Donald Trump hat eines seiner zentralen Wahlkampfthemen umgesetzt und per Dekret umfassende Zölle gegen alle Handelspartner verhängt. Neben einem universellen Importzoll von 10 % wurden Länder mit hohen Handelsüberschüssen gegenüber den USA davon abweichend mit deutlich höheren Zöllen belegt. So sollen beispielsweise die angekündigten Zölle für die EU 20 %, für Japan 24 %, für Taiwan 32 % und für China 34 % betragen. Für viele Marktteilnehmer schienen die Äußerungen des US-Präsidenten an dem von ihm so bezeichneten und inszenierten „Liberation Day“ dem Krisenszenario zu entsprechen. Die kurzfristige Marktreaktion war daher die Flucht aus Aktien in vermeintlich „sichere Häfen“ wie Anleihen und Gold. In Europa starteten die Märkte tiefrot. Auch die US-Terminmärkte deuteten zuletzt auf starke Kursrückgänge hin.
Die Rede und die Ankündigungen des US-Präsidenten hatten viele verschiedene Dimensionen, deren Durchdringung durch viel rhetorischen Staub, die symbolische Zurschaustellung amerikanischer Arbeiter und vage Aussagen erschwert wird. Insbesondere die Ausgestaltung der Zölle wirft noch viele Fragezeichen auf, dürfte aber entscheidend für die Bewertung der Auswirkungen der Zölle sein. Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass der US-Präsident in den letzten Monaten sehr wankelmütig bei dem Aussprechen und Aussetzen von Zöllen gewesen ist.
Die Sorge vor einer weiteren Eskalation im Handelsstreit ist seit gestern gewachsen. Wer also gehofft hatte, dass der „Tag der Befreiung“ mehr Sicherheit und Planbarkeit bringen würde, wurde enttäuscht. Fest steht, dass Unsicherheit, Ungewissheit und Verunsicherung noch weiter zugenommen haben. Ein denkbar ungünstiges Umfeld für viele Unternehmen und Konsumenten. Vor diesem Hintergrund sollte der Versuch, die gestrige Pressekonferenz einzuordnen und in konkrete Handlungsstrategien umzusetzen, vor allem auf der Basis einer besonnenen und kritischen Bewertung und weniger aus Panik oder einem impulsiven Bauchgefühl heraus erfolgen.
Auch wenn die Zuversicht seit gestern gesunken sein dürfte, hoffen viele Kapitalmarktteilnehmer immer noch, dass die Zölle vor allem als Verhandlungsmasse dienen sollen. Inwieweit dies der Fall sein wird, bleibt jedoch unklar. US-Finanzminister Scott Bessent sagte nach der Pressekonferenz, solange die von den Zöllen betroffenen Länder keine Gegenmaßnahmen ergreifen, seien die vom Präsidenten genannten Zölle die Obergrenze und nicht die Untergrenze. Donald Trumps Äußerungen gingen in eine ähnliche Richtung. Ein vollständiger Verzicht der Handelspartner auf Gegenmaßnahmen ist jedoch unwahrscheinlich. So hat die EU bereits Gegenmaßnahmen für den Fall eines Scheiterns der Verhandlungen angekündigt. Aber auch bei einem positiven Verhandlungsergebnis erscheint ein vollständiger Verzicht auf Zölle eher unwahrscheinlich. Denn die neue US-Regierung scheint in den Zöllen eine wichtige zukünftige Einnahmequelle zu sehen, die nicht nur den Schuldenstand reduzieren, sondern auch Spielraum für die ebenfalls im Wahlkampf versprochenen Steuersenkungen schaffen soll. Die Absicht, mit Zöllen die Ansiedlung von Unternehmen in den USA zu fördern, scheint auch ein wesentliches Motiv der „Make America Great Again“-Agenda zu sein. Signifikante Zölle dürften daher (in welcher Form auch immer) letztendlich bestehen bleiben. Für eine Beruhigung der Märkte dürfte neben der Höhe der Zölle vor allem deren Planbarkeit relevant sein.
Auch wenn der „Liberation Day“ diese Woche im Mittelpunkt gestanden hat, dürfen die harten Wirtschaftsdaten nicht aus den Augen verloren werden. So überraschte Deutschland zu Wochenbeginn mit starken Einzelhandelsumsätzen, die deutlich über den Markterwartungen lagen. Die Inflationsraten in Frankreich, Spanien, Deutschland und der Eurozone lagen allesamt unter den Erwartungen. Die Datenlage macht eine Zinssenkung der EZB im April wahrscheinlich, zumal die Preissteigerungen im Dienstleistungssektor deutlich zurückgegangen sind. Entscheidend für den Zinsschritt wird jedoch sein, wie die EZB die möglichen Auswirkungen der Zollankündigungen auf Wachstum und Inflation einschätzt. Während die Stimmungsindikatoren in den USA weiterhin schlecht sind, spiegelt sich dies in den „harten“ Wirtschaftsdaten bislang nur bedingt wider.
Wie geht es weiter?
Das Thema Zölle dürfte in den nächsten Tagen und Wochen eines der bestimmenden Themen an den Finanzmärkten bleiben. Darüber hinaus wird vor allem der morgige Arbeitsmarktbericht von großer Bedeutung für die Märkte und die US-Notenbank sein. Derzeit scheint die Fed den Arbeitsmarkt etwas stärker im Blick zu haben als die möglichen inflationären Effekte von Zöllen. Solange sich der Arbeitsmarkt nicht signifikant verschlechtert, dürfte die Fed, sofern der gestrige Tag nicht zu einem kompletten Strategiewechsel geführt hat, nicht präventiv handeln, sondern vorzugsweise an der Seitenlinie stehen und die Zinsen auf dem aktuellen Niveau belassen.
Aus ökonomischer Sicht ist die aktuelle Handelspolitik des US-Präsidenten ein großes „Experiment“. Denn nach Jahrzehnten der Globalisierung und des Freihandels ist die Analyse eines so umfassenden Zollpakets und möglicher Gegenmaßnahmen eher theoretischer als empirischer Natur. Die Effekte dürften insgesamt jedoch für alle Handelspartner negativ sein. Vielleicht sind die Folgen schlimmer, vielleicht aber auch weniger schlimm als gedacht. Gegebenenfalls macht der US-Präsident noch eine 180-Grad-Wende und erhebt gar keine Zölle, oder es kommt zu einem riesigen Handelskrieg, bei dem keiner gewinnen kann. Es sind also unzählige Entwicklungen und Ausgänge möglich. Man kann sich also prinzipiell in unzählige Richtungen verrennen. Die großen Notenbanken betonen nicht ohne Grund bereits seit der US-Wahl, dass die Folgen der Handelspolitik für die Wirtschaft schwer einzuschätzen und quantifizierbar sind.
Eine Prise Rationalität ist daher gerade in irrationalen Zeiten von größter Bedeutung. Ein gewisses Maß an „Datengetriebenheit“ (d. h. ein Handeln auf Basis neu eintreffender Wirtschaftsdaten) scheint mit Blick auf die aktuelle Marktlage und die jüngsten geopolitischen und ökonomischen Entwicklungen angebracht zu sein.
Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des gestrigen Tages bleibt unsere Anlagestrategie „Mut zur robusten Aufstellung“ aktueller denn je. Denn eine breite und gut diversifizierte Aufstellung kann helfen, erfolgreich durch schwierigere Marktphasen zu navigieren. Wir bleiben investiert und setzen weiterhin auf eine robuste Aufstellung. Der hohen Volatilität und den großen, noch nicht vollständig abschätzbaren Herausforderungen begegnen wir mit einer möglichst breiten Streuung über und innerhalb der verschiedenen Anlageklassen. Neben Substanz- und Dividendentiteln auf der Aktienseite sind dies vor allem Anleihen zur Ertragsgenerierung und alternative Anlagen. Auf der Aktienseite bevorzugen wir Unternehmen mit stabilen Geschäftsmodellen und einer möglichst geringen Exposition gegenüber Handelskonflikten.
Stand 03.04.2025